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Letzte Änderung für Artikel 95 Thesen: 20.02.2006 09:15

95 Thesen

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ThesentĂŒr an der Schlosskirche in der Lutherstadt Wittenberg
ThesentĂŒr an der Schlosskirche in der Lutherstadt Wittenberg

Martin Luthers 95 Thesen wurden am 31. Oktober 1517 als BeifĂŒgung an einen Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg , das erste Mal in Umlauf gebracht. Aufgrund der ausbleibenden Stellungnahme Albrechts von Brandenburg gab Luther die Thesen an einige Bekannte weiter, die sie kurze Zeit spĂ€ter ohne sein Wissen veröffentlichten und sie so zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion im gesamten Reich machten.

Inhaltsverzeichnis

Überlieferung

Der Thesenanschlag zu Wittenberg vom 31. Oktober 1517 ist erstmalig erwĂ€hnt durch Philipp Melanchthon . Da Melanchthon erst 1518 nach Wittenberg berufen wurde, ist es höchst unwahrscheinlich, dass er Augenzeuge des Ereignisses gewesen sein konnte, bei dem Martin Luther angeblich die weltberĂŒhmten 95 Thesen an die TĂŒr der Schlosskirche zu Wittenberg nagelte, die sich nach ĂŒblicher Schilderung von dort aus lauffeuerartig in ganz Deutschland verbreiteten und somit den Beginn der Reformation bedeuteten. Der Absicht Luthers entsprach diese Wirkung nicht. Er war ĂŒberrascht von der ungeheuren Wirkung eines Papiers, das als Disputationsgrundlage dienen sollte. Motiviert wurde Luther zur Abfassung seiner Thesen, nachdem er ein entsprechendes Instruktionspapier fĂŒr die AblasshĂ€ndler gelesen hatte.

Darstellung des Thesenanschlags in der Speyrer GedÀchtniskirche
Darstellung des Thesenanschlags in der Speyrer GedÀchtniskirche

Bedeutung


Dieses Ereignis war eines der bedeutendsten in der FrĂŒhen Neuzeit mit einer unvorhersehbaren Langzeitwirkung.

Seit dem FrĂŒhjahr 1517 erlebte Luther immer hĂ€ufiger, daß die Wittenberger der Beichte fernblieben, und stattdessen in die auf brandenburgischem bzw. anhaltinischem Gebiet liegenden StĂ€dte JĂŒterbog und Zerbst gegangen sind, um sich von ihren SĂŒndenstrafen und den SĂŒnden selbst durch den Erwerb von Ablasszetteln freizukaufen. TatsĂ€chlich war der Missbrauch des Ablasses einer der wesentlichen Kritikpunkte Luthers. Die HĂ€lfte der Einnahmen des Ablasshandels diente dem Bau des Petersdoms in Rom, wĂ€hrend die andere sich der Erzbischof Albrecht (Brandenburg) und der Ablassprediger teilten. Der Bischof benötigte zudem die EinkĂŒnfte, um seine gegenĂŒber den Fuggern aufgelaufenen Schulden abzuzahlen. Mithin war das ein Angriff auf das gesamte pĂ€pstliche Finanzsystem.

Die am 31. Oktober 1517 als Antwort auf die Ablasspredigt Johann Tetzels am veröffentlichten Thesen hatten einen eminenten Schub fĂŒr nahezu alle gesellschaftliche, kulturelle und politische Strukturen, die Luther selbst kaum ahnte. Diese Wirkung resultiert wohl daher, weil die ReformbedĂŒrftigkeit der Kirche und damit der Kirchenverfassung lĂ€ngst offensichtlich war. Die Veröffentlichung seiner Thesen waren der Funke einer Bewegung fĂŒr eine Reformation , die nur deshalb sich entfalten konnte, weil die Voraussetzungen hierfĂŒr bereits gegeben waren. Was als Diskussionsanfang unter fachkundigen Theologen gedacht war, verselbstĂ€ndigte sich und wurde immer wieder als Handzettel nachgedruckt. Statt zur Diskussion kommt es erst zum Ketzerprozeß 1518, dann zum Kirchenbann .

Die Wirkung seiner Gedanken hĂ€lt indes bis heute an. Die Thesen sind nichts anderes als die Formulierung einer Kritik an den bestebenden ZustĂ€nden auf der Grundlage der Bibel. Darin grĂŒndet sich ihre Wirkung. Den Ablasshandel erklĂ€rt Luther in den Thesen fĂŒr Menschenwerk, weil in der Bibel ein römisch-katholisches Konzept fĂŒr denselben nicht erklĂ€rt ist. Auch der Papst wird von der Kritik nicht ausgenommen. Diese Thesen sind gleichzeitig der öffentliche Beginn einer Kritik Luthers an der Institution des Papstes – ein geistiger Sprengsatz, der in den nĂ€chsten Jahren und Jahrzehnten erst seine volle Kraft entfalten sollte und zur Trennung innerhalb der abendlĂ€ndischen Kirche fĂŒhren sollte. ZunĂ€chst lĂ€sst Luther den Ablass noch gelten fĂŒr Strafen, die von der Kirche auferlegt wurden, seine Kritik richtet sich vor allem gegen die falsche Heilssicherheit, die sich aus einer falschen Handhabung des Ablasses ergab.

Seine Kritik findet sicher nicht Freunde in der Katholischen Kirche . Allerdings sein Landesherr, Friedrich III. (Sachsen) unterstĂŒtzt Luther mit dieser Haltung, weil er auch den Abfluss dieser Gelder nicht zuletzt aus seinem eigenen Territorium in Richtung Rom mit Argwohn betrachtet.

Frage nach der AuthentititÀt des Ereignisses

Die AuthentizitĂ€t des Ereignisses als solches ist umstritten. Dass es zumindest ein solches Thesenpapier gibt, ist hingegen zweifelsfrei. Ein solches erging an den Erzbischof Albrecht von Mainz, der zugleich Erzbischof von Magdeburg war, das Bistum in dem Wittenberg lag, sowie an weitere geistliche WĂŒrdentrĂ€ger des Reiches, als Reaktion auf dessen Instruktionen fĂŒr den AblassverkĂ€ufer Johannes Tetzel , ohne dass sich hieraus Reaktionen von seiner Seite her ergaben. Zumindest dĂŒrfte dieses Papier in einer grĂ¶ĂŸeren Anzahl gedruckt worden sein. Ohne dessen EinverstĂ€ndnis wĂ€re eine solche öffentliche Disputation als schwere Provokation aufgefasst worden. Es ist unwahrscheinlich, dass Luther dieses beabsichtigte oder zumindest sich nicht ĂŒber eine solche mögliche Konsequenz im klaren gewesen wĂ€re.

Das Ereignis selbst wird seit 1961 von Erwin Iserloh in Frage gestellt, der den Thesenanschlag als solchen bestritt. FĂŒr die AuthentizitĂ€t des Wittenberger Ereignisses sprach sich der Kirchenhistoriker Heinrich Bornkamm aus, der meinte, dass es damals neben dem Schreiben an den Erzbischof in akademischen Disputationen durchaus den ĂŒblichen Gepflogenheiten entsprochen habe, in Wittenberg die Thesen öffentlich anzuschlagen. Auch der Kirchenhistoriker Kurt Aland aus einer jĂŒngeren Generation als Iserloh und Bornkamm stimmte fĂŒr die AuthentizitĂ€t dieses Ereignisses.

Dies ist durchaus denkbar, weil die Schlosskirche zugleich auch die Wittenberger UniversitĂ€tskirche war. EndgĂŒltig geklĂ€rt ist diese Streitfrage, ob der Thesenanschlag Wahrheit oder Legende ist, bis heute nicht. Es ist nicht so, dass lediglich wie Iserloh die katholische Kirchengeschichtsschreibung die AuthentizitĂ€t des Thesenanschlages anzweifelt. Auch seitens der evangelischen Kirchengeschichtsschreibung beharrt man nicht unbedingt auf dem Beibehalten dieses Diktums . Heute tendiert man generell dazu zu sagen, dass der Thesenanschlag nicht stattgefunden habe, ohne allerdings einstimmig die AuthentizitĂ€t zu verwerfen. Bis zu Luthers Tod im Jahre 1546 ist hiervon nie offiziell die Rede. Melanchthon spricht davon in einem Abstand von nahezu zwanzig Jahren. Es mögen dabei auch Glorifizierungsabsichten eine Rolle gespielt haben. Eine gewisse Form von Glorifizierung stellt indes das Portal der Schlosskirche, an dem der Thesentext auf das gusseiserne Portal gebracht wurde, dar.

Gerhard Prause (1966) fasst in seinem Buch "Niemand hat Kolumbus ausgelacht - FĂ€lschungen und LĂŒgen der Geschichte richtig gestellt" die Geschichte der 95 Thesen - ihm zufolge waren es zunĂ€chst nur 93 - im Kapitel 3 zusammen und versucht eine eigene Interpretation. Demnach gehe der Mythos vom Anschlag der 95 Thesen auf einen Lesefehler des einzigen Zeitzeugen Johann Schneiders aus Eisleben, genannt Agricola , zurĂŒck. Man las "me teste" (wie ich bezeugen kann) statt, wie sich spĂ€ter herausstellte "modeste" (in bescheidener Weise). Prause (S. 76): "Jahrhunderte lang war die Forschung also einem ganz simplen Lesefehler erlegen. Die Stelle in jener Wittenberger Handschrift, die man so lange fĂŒr einen Augenzeugenbericht gehalten hatte, heißt richtig: 'Im Jahre 1517 legte Luther in Wittenberg an der Elbe nach altem UniversitĂ€tsbrauch gewisse SĂ€tze zur Disputation vor, jedoch in bescheidener Weise und damit ohne jemand beschimpft oder beleidigt haben zu wollen'".

Die 95 Thesen

Das Original des Textes wurde auf Latein verfasst. Eine lateinische Version findet sich bei Wikisource.


Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergrĂŒnden, soll in Wittenberg unter dem Vorsitz des ehrwĂŒrdigen Vaters Martin Luther, Magisters der freien KĂŒnste und der heiligen Theologie sowie deren ordentlicher Professor daselbst, ĂŒber die folgenden SĂ€tze disputiert werden. Deshalb bittet er die, die nicht anwesend sein und mĂŒndlich mit uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen.

  1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der GlĂ€ubigen Buße sein soll.
  2. Dieses Wort kann nicht von der Buße als Sakrament - d. h. von der Beichte und Genugtuung -, die durch das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden.
  3. Es bezieht sich nicht nur auf eine innere Buße, ja eine solche wĂ€re gar keine, wenn sie nicht nach außen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.
  4. Daher bleibt die Strafe, solange der Hass gegen sich selbst - das ist die wahre Herzensbuße - bestehen bleibt, also bis zum Eingang ins Himmelreich.
  5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.
  6. Der Papst kann eine Schuld nur dadurch erlassen, dass er sie als von Gott erlassen erklĂ€rt und bezeugt, natĂŒrlich kann er sie in den ihm vorbehaltenen FĂ€llen erlassen; wollte man das gering achten, bliebe die Schuld ganz und gar bestehen.
  7. Gott erlĂ€sst ĂŒberhaupt keinem die Schuld, ohne ihn zugleich demĂŒtig in allem dem Priester, seinem Stellvertreter, zu unterwerfen.
  8. Die kirchlichen Bestimmungen ĂŒber die Buße sind nur fĂŒr die Lebenden verbindlich, den Sterbenden darf demgemĂ€ĂŸ nichts auferlegt werden.
  9. Daher handelt der Heilige Geist, der durch den Papst wirkt, uns gegenĂŒber gut, wenn er in seinen Erlassen immer den Fall des Todes und der höchsten Not ausnimmt.
  10. Unwissend und schlecht handeln diejenigen Priester, die den Sterbenden kirchliche Bußen fĂŒr das Fegefeuer aufsparen.
  11. Die Meinung, dass eine kirchliche Bußstrafe in eine Fegefeuerstrafe umgewandelt werden könne, ist ein Unkraut, das offenbar gesĂ€t worden ist, wĂ€hrend die Bischöfe schliefen.
  12. FrĂŒher wurden die kirchlichen Bußstrafen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, gleichsam als PrĂŒfstein fĂŒr die Aufrichtigkeit der Reue.
  13. Die Sterbenden werden durch den Tod von allem gelöst, und fĂŒr die kirchlichen Satzungen sind sie schon tot, weil sie von Rechts wegen davon befreit sind.
  14. Ist die Haltung eines Sterbenden und die Liebe (Gott gegenĂŒber) unvollkommen, so bringt ihm das notwendig große Furcht, und diese ist umso grĂ¶ĂŸer, je geringer jene ist.
  15. Diese Furcht und dieser Schrecken genĂŒgen fĂŒr sich allein - um von anderem zu schweigen -, die Pein des Fegefeuers auszumachen; denn sie kommen dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe.
  16. Es scheinen sich demnach Hölle, Fegefeuer und Himmel in der gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung, annÀhernde Verzweiflung und Sicherheit.
  17. Offenbar haben die Seelen im Fegefeuer die Mehrung der Liebe genauso nötig wie eine Minderung des Grauens.
  18. Offenbar ist es auch weder durch Vernunft- noch SchriftgrĂŒnde erwiesen, dass sie sich außerhalb des Zustandes befinden, in dem sie Verdienste erwerben können oder in dem die Liebe zunehmen kann.
  19. Offenbar ist auch dieses nicht erwiesen, dass sie - wenigstens nicht alle - ihrer Seligkeit sicher und gewiss sind, wenngleich wir ihrer völlig sicher sind.
  20. Daher meint der Papst mit dem vollkommenen Erlass aller Strafen nicht einfach den Erlass sÀmtlicher Strafen, sondern nur derjenigen, die er selbst auferlegt hat.
  21. Deshalb irren jene Ablassprediger, die sagen, dass durch die AblÀsse des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und loswerde.
  22. Vielmehr erlĂ€sst er den Seelen im Fegefeuer keine einzige Strafe, die sie nach den kirchlichen Satzungen in diesem Leben hĂ€tten abbĂŒĂŸen mĂŒssen.
  23. Wenn ĂŒberhaupt irgendwem irgendein Erlass aller Strafen gewĂ€hrt werden kann, dann gewiss allein den Vollkommensten, das heißt aber, ganz wenigen.
  24. Deswegen wird zwangslĂ€ufig ein Großteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen und großsprecherisch gegebene Versprechen des Straferlasses getĂ€uscht.
  25. Die gleiche Macht, die der Papst bezĂŒglich des Fegefeuers im allgemeinen hat, besitzt jeder Bischof und jeder Seelsorger in seinem Bistum bzw. seinem Pfarrbezirk im besonderen.
  26. Der Papst handelt sehr richtig, den Seelen (im Fegefeuer) die Vergebung nicht auf Grund seiner - ihm dafĂŒr nicht zur VerfĂŒgung stehenden - SchlĂŒsselgewalt, sondern auf dem Wege der FĂŒrbitte zuzuwenden.
  27. Menschenlehre verkĂŒndigen die, die sagen, dass die Seele (aus dem Fegefeuer) empor fliege, sobald das Geld im Kasten klingt.
  28. Gewiss, sobald das Geld im Kasten klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die FĂŒrbitte der Kirche steht allein auf dem Willen Gottes.
  29. Wer weiß denn, ob alle Seelen im Fegefeuer losgekauft werden wollen, wie es beispielsweise beim heiligen Severin und Paschalis nicht der Fall gewesen sein soll.
  30. Keiner ist der Echtheit seiner Reue gewiss, viel weniger, ob er völligen Erlass (der SĂŒndenstrafe) erlangt hat.
  31. So selten einer in rechter Weise Buße tut, so selten kauft einer in der rechten Weise Ablass, nĂ€mlich außerordentlich selten.
  32. Wer glaubt, durch einen Ablassbrief seines Heils gewiss sein zu können, wird auf ewig mit seinen Lehrmeistern verdammt werden.
  33. Nicht genug kann man sich vor denen hĂŒten, die den Ablass des Papstes jene unschĂ€tzbare Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.
  34. Jene Ablassgnaden beziehen sich nÀmlich nur auf die von Menschen festgesetzten Strafen der sakramentalen Genugtuung.
  35. Nicht christlich predigen die, die lehren, dass fĂŒr die, die Seelen (aus dem Fegefeuer) loskaufen oder Beichtbriefe erwerben, Reue nicht nötig sei.
  36. Jeder Christ, der wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbrief.
  37. Jeder wahre Christ, sei er lebendig oder tot, hat Anteil an allen GĂŒtern Christi und der Kirche, von Gott ihm auch ohne Ablassbrief gegeben.
  38. Doch dĂŒrfen der Erlass und der Anteil (an den genannten GĂŒtern), die der Papst vermittelt, keineswegs gering geachtet werden, weil sie - wie ich schon sagte - die ErklĂ€rung der göttlichen Vergebung darstellen.
  39. Auch den gelehrtesten Theologen dĂŒrfte es sehr schwer fallen, vor dem Volk zugleich die FĂŒlle der AblĂ€sse und die Aufrichtigkeit der Reue zu rĂŒhmen.
  40. Aufrichtige Reue begehrt und liebt die Strafe. Die FĂŒlle der AblĂ€sse aber macht gleichgĂŒltig und lehrt sie hassen, wenigstens legt sie das nahe.
  41. Nur mit Vorsicht darf der apostolische Ablass gepredigt werden, damit das Volk nicht fÀlschlicherweise meint, er sei anderen guten Werken der Liebe vorzuziehen.
  42. Man soll die Christen lehren: Die Meinung des Papstes ist es nicht, dass der Erwerb von Ablass in irgendeiner Weise mit Werken der Barmherzigkeit zu vergleichen sei.
  43. Man soll den Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem BedĂŒrftigen zu leihen ist besser, als Ablass zu kaufen.
  44. Denn durch ein Werk der Liebe wÀchst die Liebe und wird der Mensch besser, aber durch Ablass wird er nicht besser, sondern nur teilweise von der Strafe befreit.
  45. Man soll die Christen lehren: Wer einen BedĂŒrftigen sieht, ihn ĂŒbergeht und statt dessen fĂŒr den Ablass gibt, kauft nicht den Ablass des Papstes, sondern handelt sich den Zorn Gottes ein.
  46. Man soll die Christen lehren: Die, die nicht im Überfluss leben, sollen das Lebensnotwendige fĂŒr ihr Hauswesen behalten und keinesfalls fĂŒr den Ablass verschwenden.
  47. Man soll die Christen lehren: Der Kauf von Ablass ist eine freiwillige Angelegenheit, nicht geboten.
  48. Man soll die Christen lehren: Der Papst hat bei der Erteilung von Ablass ein fĂŒr ihn dargebrachtes Gebet nötiger und wĂŒnscht es deshalb auch mehr als zur VerfĂŒgung gestelltes Geld.
  49. Man soll die Christen lehren: Der Ablass des Papstes ist nĂŒtzlich, wenn man nicht sein Vertrauen darauf setzt, aber sehr schĂ€dlich, falls man darĂŒber die Furcht Gottes fahrenlĂ€sst.
  50. Man soll die Christen lehren: Wenn der Papst die Erpressungsmethoden der Ablassprediger wĂŒsste, sĂ€he er lieber die Peterskirche in Asche sinken, als dass sie mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut wĂŒrde.
  51. Man soll die Christen lehren: Der Papst wĂ€re, wie es seine Pflicht ist, bereit - wenn nötig -, die Peterskirche zu verkaufen, um von seinem Gelde einem großen Teil jener zu geben, denen gewisse Ablassprediger das Geld aus der Tasche holen.
  52. Auf Grund eines Ablassbriefes das Heil zu erwarten ist eitel, auch wenn der (Ablass-)Kommissar, ja der Papst selbst ihre Seelen dafĂŒr verpfĂ€ndeten.
  53. Die anordnen, dass um der Ablasspredigt willen das Wort Gottes in den umliegenden Kirchen völlig zum Schweigen komme, sind Feinde Christi und des Papstes.
  54. Dem Wort Gottes geschieht Unrecht, wenn in ein und derselben Predigt auf den Ablass die gleiche oder lĂ€ngere Zeit verwendet wird als fĂŒr jenes.
  55. Die Meinung des Papstes ist unbedingt die: Wenn der Ablass - als das Geringste - mit einer Glocke, einer Prozession und einem Gottesdienst gefeiert wird, sollte das Evangelium - als das Höchste - mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und hundert Gottesdiensten gepredigt werden.
  56. Der Schatz der Kirche, aus dem der Papst den Ablass austeilt, ist bei dem Volke Christi weder genĂŒgend genannt noch bekannt.
  57. Offenbar besteht er nicht in zeitlichen GĂŒtern, denn die wĂŒrden viele von den Predigern nicht so leicht mit vollen HĂ€nden austeilen, sondern bloß sammeln.
  58. Er besteht aber auch nicht aus den Verdiensten Christi und der Heiligen, weil diese dauernd ohne den Papst Gnade fĂŒr den inwendigen Menschen sowie Kreuz, Tod und Hölle fĂŒr den Ă€ußeren bewirken.
  59. Der heilige Laurentius hat gesagt, dass der Schatz der Kirche ihre Armen seien, aber die Verwendung dieses Begriffes entsprach der Auffassung seiner Zeit.
  60. WohlbegrĂŒndet sagen wir, dass die SchlĂŒssel der Kirche - die ihr durch das Verdienst Christi geschenkt sind - jenen Schatz darstellen.
  61. SelbstverstĂ€ndlich genĂŒgt die Gewalt des Papstes allein zum Erlass von Strafen und zur Vergebung in besondern, ihm vorbehaltenen FĂ€llen.
  62. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
  63. Dieser ist zu Recht allgemein verhasst, weil er aus Ersten Letzte macht.
  64. Der Schatz des Ablasses jedoch ist zu Recht außerordentlich beliebt, weil er aus Letzten Erste macht.
  65. Also ist der Schatz des Evangeliums das Netz, mit dem man einst die Besitzer von Reichtum fing.
  66. Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fÀngt.
  67. Der Ablass, den die Ablassprediger lautstark als außerordentliche Gnaden anpreisen, kann tatsĂ€chlich dafĂŒr gelten, was das gute GeschĂ€ft anbelangt.
  68. Doch sind sie, verglichen mit der Gnade Gottes und der Verehrung des Kreuzes, in der Tat ganz geringfĂŒgig.
  69. Die Bischöfe und Pfarrer sind gehalten, die Kommissare des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung zuzulassen.
  70. Aber noch mehr sind sie gehalten, Augen und Ohren anzustrengen, dass jene nicht anstelle des pÀpstlichen Auftrags ihre eigenen Phantastereien predigen.
  71. Wer gegen die Wahrheit des apostolischen Ablasses spricht, der sei verworfen und verflucht.
  72. Aber wer gegen die ZĂŒgellosigkeit und Frechheit der Worte der Ablassprediger auftritt, der sei gesegnet.
  73. Wie der Papst zu Recht seinen Bannstrahl gegen diejenigen schleudert, die hinsichtlich des AblassgeschÀftes auf mannigfache Weise Betrug ersinnen.
  74. So will er viel mehr den Bannstrahl gegen diejenigen schleudern, die unter dem Vorwand des Ablasses auf Betrug hinsichtlich der heiligen Liebe und Wahrheit sinnen.
  75. Es ist irrsinnig zu meinen, dass der pÀpstliche Ablass mÀchtig genug sei, einen Menschen loszusprechen, auch wenn er - was ja unmöglich ist - der GottesgebÀrerin Gewalt angetan hÀtte.
  76. Wir behaupten dagegen, dass der pĂ€pstliche Ablass auch nicht die geringste lĂ€ssliche SĂŒnde wegnehmen kann, was deren Schuld betrifft.
  77. Wenn es heißt, auch der heilige Petrus könnte, wenn er jetzt Papst wĂ€re, keine grĂ¶ĂŸeren Gnaden austeilen, so ist das eine LĂ€sterung des heiligen Petrus und des Papstes.
  78. Wir behaupten dagegen, dass dieser wie jeder beliebige Papst grĂ¶ĂŸere hat, nĂ€mlich das Evangelium, "GeisteskrĂ€fte und Gaben, gesund zu machen" usw., wie es 1. Kor. 12 heißt.
  79. Es ist GotteslÀsterung zu sagen, dass das (in den Kirchen) an hervorragender Stelle errichtete (Ablass-) Kreuz, das mit dem pÀpstlichen Wappen versehen ist, dem Kreuz Christi gleichkÀme.
  80. Bischöfe, Pfarrer und Theologen, die dulden, dass man dem Volk solche Predigt bietet, werden dafĂŒr Rechenschaft ablegen mĂŒssen.
  81. Diese freche Ablasspredigt macht es auch gelehrten MĂ€nnern nicht leicht, das Ansehen des Papstes vor böswilliger Kritik oder sogar vor spitzfindigen Fragen der Laien zu schĂŒtzen.
  82. Zum Beispiel: Warum rÀumt der Papst nicht das Fegefeuer aus um der heiligsten Liebe und höchsten Not der Seelen willen - als aus einem wirklich triftigen Grund -, da er doch unzÀhlige Seelen loskauft um des unheilvollen Geldes zum Bau einer Kirche willen - als aus einem sehr fadenscheinigen Grund -?
  83. Oder: Warum bleiben die Totenmessen sowie Jahrfeiern fĂŒr die Verstorbenen bestehen, und warum gibt er (der Papst) nicht die Stiftungen, die dafĂŒr gemacht worden sind, zurĂŒck oder gestattet ihre RĂŒckgabe, wenn es schon ein Unrecht ist, fĂŒr die Losgekauften zu beten?
  84. Oder: Was ist das fĂŒr eine neue Frömmigkeit vor Gott und dem Papst, dass sie einem Gottlosen und Feinde erlauben, fĂŒr sein Geld eine fromme und von Gott geliebte Seele loszukaufen; doch um der eigenen Not dieser frommen und geliebten Seele willen erlösen sie diese nicht aus freigeschenkter Liebe?
  85. Oder: Warum werden die kirchlichen Bußsatzungen, die "tatsĂ€chlich und durch Nichtgebrauch" an sich lĂ€ngst abgeschafft und tot sind, doch noch immer durch die GewĂ€hrung von Ablass mit Geld abgelöst, als wĂ€ren sie höchst lebendig?
  86. Oder: Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die eine Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen GlÀubigen?
  87. Oder: Was erlÀsst der Papst oder woran gibt er denen Anteil, die durch vollkommene Reue ein Anrecht haben auf völligen Erlass und völlige Teilhabe?
  88. Oder: Was könnte der Kirche Besseres geschehen, als wenn der Papst, wie er es (jetzt) einmal tut, hundertmal am Tage jedem GlĂ€ubigen diesen Erlass und diese Teilhabe zukommen ließe?
  89. Wieso sucht der Papst durch den Ablass das Heil der Seelen mehr als das Geld; warum hebt er frĂŒher gewĂ€hrte Briefe und AblĂ€sse jetzt auf, die doch ebenso wirksam sind?
  90. Diese Ă€ußerst peinlichen EinwĂ€nde der Laien nur mit Gewalt zu unterdrĂŒcken und nicht durch vernĂŒnftige Gegenargumente zu beseitigen heißt, die Kirche und den Papst dem GelĂ€chter der Feinde auszusetzen und die Christenheit unglĂŒcklich zu machen.
  91. Wenn daher der Ablass dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemĂ€ĂŸ gepredigt wĂŒrde, lösten sich diese (EinwĂ€nde) alle ohne weiteres auf, ja es gĂ€be sie ĂŒberhaupt nicht.
  92. Darum weg mit allen jenen Propheten, die den Christen predigen: "Friede, Friede", und ist doch kein Friede.
  93. Wohl möge es gehen allen den Propheten, die den Christen predigen: "Kreuz, Kreuz", und ist doch kein Kreuz.
  94. Man soll die Christen ermutigen, dass sie ihrem Haupt Christus durch Strafen, Tod und Hölle nachzufolgen trachten
  95. und dass die lieber darauf trauen, durch viele TrĂŒbsale ins Himmelreich einzugehen, als sich in falscher geistlicher Sicherheit zu beruhigen.

Literatur

  • Kurt Aland: Titel: Die Reformatoren : Luther, Melanchthon, Zwingli, Calvin ; mit einem Nachwort zur Reformationsgeschichte, 4. neubarb. Aufl., GĂŒtersloh 1986.
  • Heinrich Bornkamm: Thesen und Thesenschlag Luthers : Geschehen und Bedeutung, Berlin 1967.
  • Erwin Iserloh: Luther zwischen Reform und Reformation : der Thesenanschlag fand nicht statt, 3., verb. und um das 8. Kap. erw. Aufl., MĂŒnster (Westf.) 1968.
  • Prause, Gerhard (1966). Luthers Thesenanschlag ist eine Legende. In: Niemand hat Kolumbus ausgelacht - FĂ€lschungen und LĂŒgen der Geschichte richtig gestellt, DĂŒsseldorf 1966, 75-88. .
  • Manfred Schulze, Art. Thesenanschlag, in: Religion in Geschichte und Gegenwart , 4., völlig neu bearb. Aufl., 357f., 2005. - ISBN 3-16-146948-8

Weblinks

Wikisource: Deutsche Übersetzung der Thesen auf Wikisource – Quellentexte

Wikipedia

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